Les Adieux
Les Adieux trägt seinen Titel von Beethovens ausdrücklich programmatischem op. 81a – doch der Abend, den dieser Titel benennt, greift über den Abschied als Ereignis hinaus, hin zu etwas, das sich weniger leicht auflösen lässt. Was dieses Programm nachzeichnet, ist das Innenleben des Verlusts: der Schwebezustand nach einer Trennung, das langsame Wegrücken vertrauten Bodens, die Frage, was – wenn überhaupt – zurückkehrt.
Jedes Werk markiert einen anderen Moment in diesem Bogen. Beethoven erscheint zweimal, am Anfang und am Ende, und die Distanz zwischen den beiden Werken gehört zu den lehrreichsten Wegstrecken der gesamten Klavierliteratur. Op. 81a, die sogenannte Les-Adieux-Sonate, gehört der heroischen mittleren Periode an: extrovertiert, formal durchsichtig, emotional lesbar. Op. 110, ein Jahrzehnt später von einem tauben, kranken und finanziell bedrängten Mann geschrieben, bewohnt ein gänzlich anderes Register – nach innen gewandt, strukturell radikal, befasst mit Zuständen, die sich einer einfachen Benennung entziehen. Beide Werke an einem Abend zusammenzuführen heißt, eine Frage danach zu stellen, was Erfahrung mit einem Menschen macht – und mit einer musikalischen Sprache.
Dazwischen stehen vier Werke, die zunächst eine unwahrscheinliche Konstellation bilden mögen: ein spätes Brahms-Intermezzo, Schumanns letzter Klavierzyklus, Janáčeks frühmoderne Miniaturen und ein Wiegenlied des jungen Weinberg. Was sie verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Stil oder eine gemeinsame Epoche als eine gemeinsame Beschäftigung – mit Schwellen, mit dem Innenleben unter Druck, mit jener Musik, die sich von der öffentlichen Geste abwendet und stattdessen auf etwas Leiseres und schwerer Auffindbares horcht.
Brahms und Schumann verankern die erste Hälfte in der spätromantischen Welt, doch beide Stücke stehen an deren äußersten Rändern – geschrieben in Zuständen des Rückzugs, des Abschiednehmens oder der psychischen Grenzerfahrung, die der Wärme und formalen Sicherheit dieser Tradition entgegenarbeiten. Janáček und Weinberg öffnen die zweite Hälfte aus einer völlig anderen Richtung: ein tschechischer Komponist, dessen Sprache in Sprechrhythmen und volksmusikalischer Färbung wurzelt, und ein polnisch-jüdischer Komponist, der sein allererstes Opus mit fünfzehn Jahren im Warschau der Zwischenkriegszeit schrieb. Die Gegenüberstellung ist auf stille Weise verblüffend. Diese Werke gehören nach keiner herkömmlichen Logik von Stil oder Schule zusammen. Sie gehören zusammen aufgrund dessen, worauf sie hören.
Die Architektur des Programms bewegt sich von der Klarheit zur Komplexität, vom Benennbaren zum Unbenennbaren, vom Abschied als äußerem Ereignis hin zu etwas Innerlicherem, das sich nicht auflösen lässt. Der Abend schließt mit Beethovens op. 110, dessen Finale zu den suchendsten der Klavierliteratur gehört: eine Fuge, die mitten im Lauf zusammenbricht, verstummt und wieder aufsteigt – ihr Thema umgekehrt, verwandelt durch alles, was sie durchschritten hat. Sie kommt nicht als Schlussfolgerung an, sondern als Entdeckung: dass Fortsetzung möglich ist, und dass sie nichts von dem gleicht, was zuvor war.
Programm
Erster Teil
L. van Beethoven
Klaviersonate Nr. 26 in Es-Dur, op. 81a, „Les Adieux“
Das Lebewohl
Abwesenheit
Das Wiedersehen
J. Brahms
Intermezzo op. 117, Nr. 1
R. Schumann
„Gesänge der Frühe“, op. 133
Im ruhigen Tempo
Belebt, nicht zu rasch
Lebhaft
Bewegt
Im Anfange ruhiges, im Verlauf bewegtes Tempo
Pause
Zweiter Teil
L. Janáček
„Im Nebel“
Andante
Molto adagio
Andantino
Presto
M. Weinberg
Wiegenlied op. 1
L. van Beethoven
Klaviersonate in As-Dur, op. 110
Moderato cantabile molto espressivo
Allegro molto
Adagio ma non troppo
Arioso dolente
Fuga. Allegro ma non troppo
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