Was erzählen uns die Gralsmythen heute?
Die Mythen geben uns seelische Bilder für die Wandlungsprozesse, die uns zu uns selbst führen und zu unserem Platz im Ganzen der Welt. Sie können Zwischenräume öffnen, in denen innere Erfahrung und äußere Mitwelt wieder in Resonanz treten. Der Mythenforscher Martin Spura verfolgt die verzweigten Wege poetischer Bilder und erkundet in seinem neuen Buch den Kosmos der Gralsmythen. Dafür hat er die keltischen Länder bereist, in denen diese Mythen entstanden sind, und sich in ein mehrjähriges Studium der Gralstexte begeben.
Für Martin Spura sind die Gralsmythen auch eine Einladung in die Wildnis der Seele, wie er in einem Interview für evolve beschreibt: „Die äußere Natur ist wild und unbezähmbar und bei der Seelennatur ist es genauso. Das Wilde kann zum Fluss werden, der die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt überbrückt und die Gegensätze verbindet. Dann erfahren wir, dass wir gar nicht getrennt sind. Dafür muss man sich auf den Sprung, das Wagnis, das Schutzlossein einlassen. Wenn man alles festhalten und beherrschen will, dann bleibt man gefangen in seiner Abgrenzung und kann die Trennung nicht überwinden. Deshalb ist die Vereinzelung der Menschen ein großes Problem unserer Zeit. Es fehlt die lebendige Beziehung, die man aber nicht intellektuell herstellen kann, dafür braucht es die Naturkraft in uns und außerhalb von uns, das Wiederaufleben der Resonanz von Innen und Außen.“
Diese Wiederverbindung mit dem Wilden in uns eröffnet nicht nur eine individuelle Transformation, sondern ermöglicht auch einen Wandel unserer Kultur: „Würden wir mit unserer inneren Natur in Kontakt stehen, dann wäre es ganz natürlich, die Natur im Außen zu schonen. Gesetze zum Schutz der Natur sind zu einem gewissen Grad nötig, aber wichtiger ist, dass wir sie aus tiefer Einsicht schützen. Das geht nur, wenn wir wieder mehr mit der inneren Natur in Kontakt kommen und so das Resonanzfeld zur äußeren Natur stärken. Insofern ist der Naturschutz für mich immer auch eine spirituelle Frage.
Wie beim Bild der Quelle oder dem Fluss geht es darum, durchlässiger zu werden. Wenn ich in dieser Offenheit an einer Quelle oder einem Fluss in der Natur bin, dann ist völlig klar, dass es für mich heilige Orte sind. Im Empfinden bin ich dann so berührt von der Natur, dass ich gar nicht anders kann, als nach Wegen zu suchen, um sie zu schonen und nicht länger auszubeuten.“
Bei unserem evolve LIVE! Dialog-Webinar erforschen wir gemeinsam mit Martin Spura und den Teilnehmenden, was uns die Gralsmythen heute über die Wildnis der Seele erzählen. Wie können wir die Naturkraft in uns wieder freilegen? Wie können wir das Wilde in uns wieder fließen lassen? Die Praxis des Dialogs gibt uns eine Möglichkeit, im Fluss des Gesprächs zu erforschen, wie sich zwischen uns das Lebendige in schöpferischen Bildern zeigen kann.